Ich habe Feedback bekommen, dass die Anwendung der Dilts-Pyramide nicht so ganz klar ist. Gerne gehe ich darauf in diesem Beitrag ein.

Im ersten Beitrag hatte ich die Dilts-Pyramide vorgestellt, hier nochmal kurz zusammengefasst:

Dilts-Pyramide

Kontext / Umwelt jedes Verhalten ist in einen Raum-Zeit-Kontext eingebettet
Wo? Wann? Wer? Mit wem?
Verhalten Beobachtbares Verhalten, konkretes Handeln, alle Aktionen und Reaktionen
Was? Was tust Du? Was (genau) wird getan? Was könnte jemand von außen beobachten?
Fähigkeiten, Strategien stellen ein inneres Verhalten dar, das ein von außen beobachtbares Verhalten ermöglicht
Wie? Wie führst Du die Tätigkeiten aus? Welche inneren Prozesse, Strategien und Programme laufen ab?
Werte, Glaubenssätze, Filter Werte: Ideale, Ziele, Motivatoren; Unterscheidung „hin-zu“/“mehr von“ und „weg-von“/“weniger von“
Wofür? Was ist wichtig? Was hast Du davon? Wofür tust Du das? Was bringt es Dir? oder: Was würde Dir fehlen, wenn Du es nicht tätest?
Glaubenssätze: sind Überzeugungen und Leit-Ideen, die Menschen für wahr halten, und als Grundlage ihres alltäglichen Handelns anwenden. Sie sind Interpretationen und Verallgemeinerungen aus früheren Erfahrungen, individuelle Theorien, warum etwas so und nicht anders ist.
Warum? Welche Bedeutung hat das? Wie ist der Zusammenhang?
Filter: sortieren unsere Wahrnehmung und unser Denken, lange bevor diese unser Bewusstsein erreichen
Worauf achtest Du?
Selbstbild / Identität Die Vorstellungen, die Menschen von sich als ganze Person in ihrem Verhalten, in ihren Fähigkeiten und in ihren Überzeugungen meist unbewusst mitkonstruieren. Es sind die tiefsten, zentralen Werte und Aufgaben – die Mission im eigenen Leben.
Wer bist Du? Was, glaubst Du, denken andere über Dich, wenn Du das machst? Was würdest Du von jemandem denken, der das macht? Was denkt man über jemanden, der sowas macht?
Sinn die Bedeutung für das Ganze, das Übergeordnete
Wozu? Wozu ist das gut? Wozu sind wir hier? Welche Bedeutung hat Dein Tun für andere? Welche Auswirkungen hat Dein Leben auf die Welt?

 

Robert Dilts entwickelte dieses Modell für die Anwendung bei persönlichen Veränderungen. Damit möchte ich hier in der Darstellung auch beginnen und die Anwendung auf Teams und Organisationen/Unternehmen erweitern.

Dieses Modell macht Aspekte transparent, die bei Veränderungen/Zielen/Problemen normalerweise unberücksichtigt bleiben und diese dadurch in ihrem Erfolg gefährden (können).

 

1. Anwendung auf eine Person

1.1 Ich habe ein Ziel

Wenn ich ein Ziel erreichen möchte, ist es wichtig, vorher zu prüfen, ob dieses Ziel in mein bisheriges System passt. Es könnte durchaus sein, dass dieses Ziel Auswirkung auf mich hat, die ich momentan nicht wahrnehme. Dazu gehe ich mit dem Ziel die Ebenen durch, indem ich mir die Fragen der jeweiligen Ebene bezogen auf das Ziel stelle.

Beispiel: Mein Ziel ist es, auf dem Agile Tuesday einen Vortrag über die Dilts-Pyramide zu halten.

* Ebene Umwelt: Wo? Wann? Wer? Mit wem?

Wann und wo kann ich das Thema auf einem Agile Tuesday vorstellen? Klären mit dem Veranstalter.

* Ebene Verhalten: Was? Was tust Du? Was (genau) wird getan? Was könnte jemand von außen beobachten?

Ich erzähle was über die Dilts-Pyramide. Ich male am Flipchart. Ich beantworte Fragen und gehe auf Einwände ein etc.

* Ebene Fähigkeiten, Strategien: Wie? Wie führst Du die Tätigkeiten aus? Welche inneren Prozesse, Strategien und Programme laufen ab?

Ich brauche Präsentationsfähigkeiten, um das Thema präsentieren zu können. Ich muss das Thema in der Vorbereitung so strukturieren, dass es verständlich wird, dazu werde ich vereinfachen, zusammenfassen und weglassen. Ich werde den Vortrag im Kopf durchgehen und mir vorstellen, wie dieser ablaufen könnte.

* Ebene Werte, Glaubenssätze, Filter:

** Werte: Wofür? Was ist wichtig? Was hast Du davon? Wofür tust Du das? Was bringt es Dir? oder: Was würde Dir fehlen, wenn Du es nicht tätest?

Ich habe viel gelernt auf den Agile Tuesdays in den in vergangenen 1,5 Jahren und möchte etwas zurückgeben. Ich möchte auf ein interessantes Modell aufmerksam machen. Momentan entwickle ich einen Workshop zum Thema “Führen durch Sinn” und möchte testen, ob es Interesse für dieses Thema gibt.

** Glaubenssätze: Warum? Welche Bedeutung hat das? Wie ist der Zusammenhang?

Meine Glaubenssätze bzgl. des Themas sind: Du sollst nicht nur nehmen! Gib’ auch was zurück! Dieses Modell ist zu wichtig, um unbekannt zu bleiben!

** Filter: Worauf achtest Du?

Beispiele sollen aus meinen Erfahrungen oder aus dem agilen Kontext kommen.

* Ebene Selbstbild / Identität: Wer bist Du? Was, glaubst Du, denken andere über Dich, wenn Du das machst? Was würdest Du von jemandem denken, der das macht? Was denkt man über jemanden, der sowas macht?

Ich bin ein Mitglied der Agilen Community in München. Ich bin ein Vernetzer verschiedener Themen und bringe so Verschiedenes zusammen, damit Neues entsteht.

* Ebene Sinn: Wozu? Wozu ist das gut? Wozu sind wir hier? Welche Bedeutung hat Dein Tun für andere? Welche Auswirkungen hat Dein Leben auf die Welt?

Ich möchte, dass andere Menschen einfacher und leichter erfolgreiche Veränderungen erreichen! Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen sich anstrengen, ihr Bestes geben, und die Veränderung dann trotzdem scheitert und so Hoffnungen enttäuscht werden.

 

1.2 Ich habe ein Problem

Grundsätzlich ist es so, dass “ein Problem ein Ziel ist, das auf dem Kopf steht.” Etwas ist nicht so wie es sein soll(t)e und wird dadurch zum Problem. Also gehe ich mit dem Problem durch die Ebenen (wie bei Ziel beschrieben) und stelle so die Ebene fest, auf der es hakt.

 

1.3 Ich coache eine andere Person

Auch dies ist eine Standardanwendung. Die Ebenen werden je auf eine Moderationskarte geschrieben und – zusammen mit dem Coachee – auf den Boden vor dem Coachee so hingelegt, dass die Ebene Kontext direkt vor dem Coachee liegt und die Ebene Sinn am weitesten von ihm weg. Das Vorgehen ist nun so, dass der Coach die Fragen der jeweiligen Ebene stellt und der Coachee diese (für sich) beantwortet. Der Coachee muss die Antwort nicht laut geben, die Antwort ist für ihn und nicht für den Coach wichtig.  Der Coachee schreitet so die vor ihm “liegende” Pyramide hinauf. In den Fragen kann auch Bezug auf bereits zurückgelegte Ebenen genommen werden. Die Ebenen werden hinauf und wieder hinab gegangen, so dass der Coachee zum Schluss wieder vor der Ebene Kontext steht. (Kleiner Tipp: die Moderationskarten neben die Flächen legen, wo der Coachee hintritt, damit er nicht auf die Karten tritt. Man kann zum Anfang ein Probeabschreiten der Pyramide machen und so die Abstände der jeweiligen Ebene (dies entspricht den Abständen der Moderationskärtchen) festlegen und ggf. justieren. Der Coach sollte auf den Raum der Pyramide achten und nicht darin rumlaufen, dies ist der Raum des Coachees. Am besten ist es, wenn der Coach seitlich vom Coachee steht und ihn begleitet.)

Mir ist es wichtig, an der Stelle zu betonen, dass das Coachen von Untergebenen schwierig ist, da der Abhängigkeitskontext immer latent dabei ist. Besser ist das Coachen von Gleichrangigen (Peers). Ein Scrum Master coacht und lässt sich besser von einem anderen Scrum Master coachen und nicht von einem Teammitglied oder “seinem” Product Owner. Das Coaching wird dann offener und erfolgreicher sein, als wenn die Beziehung durch die Aufgabenstellung des Jobs mitspielt.

 

2. Anwendung auf ein Team

2.1 Selbstgestelle Aufgabe

Ein Team stellt sich selbst eine Aufgabe / nimmt sich selbst ein Ziel vor, z.B. wir führen eine agile Praktik ein. Dazu stellt jedes Teammitglied seine Pyramide zu dieser Aufgabe auf, wie unter 1.1 beschrieben. Anschließend trifft sich das Team und diskutiert das Thema Ebene-für-Ebene durch. Dazu stellt jeder seine Position zu dieser Ebene vor und dann diskutiert die Gruppe gemeinsam. Ziel ist es, eine Pyramide für das Team aufzustellen. Wenn diese stimmig für alle Teammitglieder ist, kann die Umsetzung begonnen werden.

 

2.2 Herangetragene Aufgabe

Ein Teamexterner (z.B. Vorgesetzter, Scrum Master etc.) möchte, dass das Team eine Aufgabe übernimmt / ein Ziel erfüllt, z.B. eine agile Praktik einzuführen. Dazu kündigt der Auftraggeber das Thema an und bittet die Gruppe, ihre Pyramide zu erstellen (Vorgehen wie bei 2.1). Der Auftraggeber erstellt seine Pyramide, wie unter 1.1 beschrieben. In einem gemeinsamen Termin stellen der Auftraggeber und ein Teamvertreter ihre jeweiligen Pyramiden vor, Team und Auftraggeber diskutieren gemeinsam darüber. Eine Erweiterung wäre es, wenn vor dem gemeinsamen Termin sowohl Team als auch Auftraggeber je eine Pyramide über die “Gegenseite” aufstellen, indem sie eintragen, was sie denken, was die andere Seite ausfüllen wird. Diese müssen nicht unbedingt vorgestellt werden, sie dienen eher zum Abgleich von Selbstausage und Erwartungen der “Gegenseite”.

 

2.3 Bildung eines Teams

Wenn ein Team neu zusammengestellt wird, ist es immer wieder eine Herausforderung, die Anderen besser kennen zu lernen. Hier kann die Dilts-Pyramide im Team helfen: Das Verfahren ist im Prinzip wie unter 1.3 beschrieben, nur dass jedes Teammitglied seine Kärtchen bekommt und seine Pyramide abschreitet, während ein Coach liest die entsprechenden Fragen für alle vorliest. (Zur räumlichen Anordnung: Es können sich alle Teammitglieder in einem großen Kreis aufstellen, in der Mitte ist die Ebene Sinn.)

Zu jeder Ebene schreibt jeder Teilnehmer seine Antwort auf die Fragen in einen Satz auf ein Blatt Papier. (Hinweis: Deutlich schreiben, die anderen werden das dann lesen. 😉 )

Wenn alle wieder vor ihrer Ebene Kontext stehen, wird z.B. im Uhrzeigersinn gewechselt, also jeder tritt vor die Pyramide seines linken Nachbarn. Dann schreitet jeder die Pyramide eines anderen in “dessen Schuhen” ab und bekommt so einen Eindruck, was für diesen wichtig ist. Es wird solange im Uhrzeigersinn getauscht, bis jeder wieder vor seiner Pyramide steht.

 

3. Anwendung auf eine Organisation/Unternehmen

Das Vorgehen entspricht dem von 2.1 bzw. 2.2: Der Vorgesetzte praktiziert mit seinen untergebenen Führungskräften entsprechend. Und diese wiederum, bis das Verfahren auf Team-Ebene angekommen ist. Dann wird entsprechend 2.2. verfahren.

Das Vorgehen ist spätestens in der Anwendung auf eine Organisation/Unternehmen aufwändig, ermöglicht aber gegenseitiges Verstehen und verstanden werden, indem es Transparenz schafft, um Vertrauen zu gewinnen.

Insbesondere bei Organisationen und Unternehmen ist es wichtig, die Ebenen Sinn –  Selbstbild / Identität – Ebene Werte, Glaubenssätze, Filter zu diskutieren und zwar in dieser Reihenfolge. Zuerst den Sinn herausstellen, wenn dieser erkannt ist, ergibt sich alles weitere von alleine! Diese Ebenen zu bearbeiten ist eine Führungsaufgabe, wie im Beitrag “Dilts-Pyramide und Unternehmenshierarchie” beschrieben.

 

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