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Warum heute alles anders ist (2/2)

Die Industriellen Revolutionen

In der Menschheitsgeschichte gab es bisher vier Phasen, die als „Industrielle Revolution“ bezeichnet werden:

Zeitraum

Hauptthema

Effekt auf die Menschen [Land83 S. 301]

I.

1770 – 1880

Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft Ersetzen der menschlichen Geschicklichkeit und Stärke durch Maschinen und unbeseelte Kraft

II.

1890 – 1925

wissenschaftliche Betriebsführung Umwandeln des Menschen in einen Roboter, der mit seinen Maschinen fertig werden und Schritt halten musste

III.

1950 – 2010

Automation und Digitalisierung Ersetzen des Mensch durch eine denkende und handelnde Maschine

IV.

ab 2010

Intelligente technische Systeme

Die industriellen Revolutionen sind in ihren Auswirkungen vergleichbar mit der Neolithischen Revolution. Bisherige Fortschritte waren im wesentlichen oberflächlicher Art, da sie keine qualitativen Änderungen und keine Verbesserungen in der Produktivität brachten. Erst die industrielle Revolution brachte einen kumulativen und sich selbst tragenden technischen Fortschritt, dessen Auswirkungen in allen Bereichen des Wirtschaftslebens spürbar wurden [Lan83].

Die I. Industrielle Revolution: Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft (1770 – 1880)

Um 1770 begann in England ein Prozess, der sich weltweit ausbreitete und die Welt nachhaltig dauerhaft verändern sollte: Die Industrielle Revolution. Mit dieser wird die tiefgreifende und dauerhafte Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, der Arbeitsbedingungen und Lebensumstände bezeichnet [WikiD, Lan83].

Kennzeichnend für diese Epoche ist weltweit der Übergang von einer Agrar- und Handwerkswirtschaft in eine von Industrie und maschineller Produktion geprägte Wirtschaft das Zeitalter der Maschinen begann [WikiD, Lan83, Bor14]. Waren bisher allenfalls Wind und Wasser als Antrieb nutzbar, konnte nun an jedem Ort – mittels Dampf, später Elektrizität und Kraftmaschinen – jedes beliebige Gerät angetrieben werden. Beginnend mit Webstühlen in England über Transportmittel (Bahn, Schiff) war der Mechanisierung keine Grenzen gesetzt.

Abbildung 4: Übergang von komplex zu kompliziert durch die I. Industrielle Revolution
Abbildung 4: Übergang von komplex zu kompliziert durch die I. Industrielle Revolution


Abbildung 4 zeigt die Vereinfachung der Arbeitstätigkeiten durch die I. Industrielle Revolution.

Der Kern der Industriellen Revolution ist die Entwicklung der Technik und Technologie [Bor14, Lan83]:

  1. Menschliche Fähigkeiten werden durch mechanische Anlagen ersetzt: Aus Handwerk (Werkzeug) wird Industrie (Maschine).
  2. Menschliche und tierische Kraft wird durch „leblose“ Energie (insbesondere Dampfkraft) ersetzt.
  3. Prozesse und Verfahren, insbesondere der Verarbeitung von Rohstoffen, werden wesentlich verbessert.

Diese Entwicklung der Technik und Technologie erforderte neue Formen der Organisation [Bor14, Lan83]: Die Fabriken. Der Einsatz von Maschinen war nur dann rentabel, wenn die Produktion konzentriert wurde und die produzierten Mengen entsprechend groß waren. Gleichzeitig ist die Fabrik mehr eine größere Arbeitseinheit: Sie bildet ein Produktionssystem mit einer charakteristischen Definition der Funktion und Verantwortlichkeiten der einzelnen Teilnehmer am Produktionsprozess. Auf der einen Seite steht der Unternehmer, der die Kapitalausrüstung zur Verfügung stellte und deren Verwendung kontrollierte, die Arbeitskräfte beschäftigte und das Endprodukt in den Markt brachte. Auf der anderen Seite steht der Arbeiter, nur seine Arbeitskraft hat und auf den Status eines „Handarbeiters“ gesunken ist [Lan83]. Seine Tätigkeiten wurden einfacher, die Kompliziertheit nahm ab. Aspekte des Denkens und Planens, die der Handwerker noch hatte, fielen für ihn weg, dies übernahm nun der Unternehmer für alle Arbeiter.

Die II. Industrielle Revolution: wissenschaftliche Betriebsführung (1890 – 1925)

Lag in der Anfangszeit der Industriellen Revolution der Fokus auf der technischen und technologischen Entwicklung, änderte sich dies spätestens Ende des 19. Jahrhunderts. Mittlerweile wurde die Leistungsfähigkeit von Maschinen und Material durch die Maschinen-Bediener nicht mehr ausgeschöpft. Nun rückten Aspekte um die Maschine herum in den Vordergrund: Die Organisation der Tätigkeiten. Hierzu zählen die Einführung von Best Practices und Management von Frederick W. Taylor und die Organisation der Produktion am Fließband von Henry Ford (s. Kapitel 2 „Wie die Komplexität reduziert wurde …“).

Abbildung 5: Übergang von kompliziert zur maximal einfach durch die II. Industrielle Revolution
Abbildung 5: Übergang von kompliziert zur maximal einfach durch die II. Industrielle Revolution


Abbildung 5 zeigt den Übergang zu maximaler einfachen Arbeitstätigkeiten durch die II. Industrielle Revolution.

Durch die II. Industrielle Revolution, insbesondere das, was als „Taylorismus“ und „Fordismus“ bekannt wurde, erreichte die Arbeit ihre maximale Einfachheit. Denken und Handeln waren nun getrennt, neue Berufe übernahmen das Denken: Der Ingenieur und der Manager. Einige wenige – die Ingenieure – erdachten die Produkte und zerlegten deren Herstellung in kleinstmögliche einfachste Schritte, für die sie Normen festlegten. Einige mehr – die Manager – überwachten die Arbeiter und die Einhaltung der Normen in der Produktion. Die meisten aber – die Arbeiter – hatten nun nur noch ein oder zwei Handgriffe am Fließband auszuführen. Damit war die Arbeit maximal einfach.

Damit die Handgriffe so einfach wie möglich sein konnten, waren spezielle und teure Maschinen notwendig. Diese Maschinen waren nur rentabel, wenn die hergestellte Menge so groß wie möglich war: Der Massenmarkt mit standardisierten Produkten entstand.

Dieses Vorgehen brachte der Menschheit nie vorstellbaren unermesslichen Reichtum – und es lief auch viele Jahre gut.

Die III. Industrielle Revolution: Automation und Digitalisierung (1950 – 2010)

Auch wenn der Mensch nur noch ein oder zwei Handgriffe am Fließband tat, blieb er doch die Fehlerquelle und sollte ersetzt werden. Nicht nur, um Personalkosten einzusparen oder ihn von schwerer körperlicher oder monotoner Arbeit zu entlasten, sondern auch, um eine gleichmäßigere und verbesserte Produktqualität bei höherer Fertigungsmenge und geringerer Fehlproduktion zu erreichen [WikiL].

Die technischen Grundlagen dafür standen zur Verfügung: In den 1940er Jahren wurden der Computer und der Transistor erfunden, die Kybernetik formte sich als Wissenschaft und Basis für die Informatik heraus. Ab Mitte der 1950er Jahre waren erste numerisch gesteuerte (NC) Werkzeugmaschinen kommerziell verfügbar, die Maschinen mit Arbeitern ersetzen konnten. Seit der Erfindung des Microchip Ende der 1950er Jahre verdoppelte sich alle 12-24 Monate die Leistungsfähigkeit von Elektronik und Computertechnik (Mooresches Gesetz [WikiM]).

Diese leistungsfähige Technik ermöglichte eine Automatisierung von Produktionssystemen und den ersatzlosen Wegfall früherer Arbeitsplätze in diesem Bereich.

Wurden zunächst einfache manuelle Tätigkeiten durch Automaten ersetzt, erreichte mit dem Aufkommen der Roboter in den frühen 1980er Jahren der Ersatz auch hochqualifizierte Tätigkeiten von Facharbeitern.

Begann die Automatisierung im Produktionsbereich, so erreichte sie spätestens in den 1990er Jahren mit dem massenweisen Einzug der Computer die Büros. Mit dem Siegeszug der Online-Shops im Internet in den 2000er Jahren erreichte die Automatisierung jeden Konsumenten. Und wenn wir heute eine Reklamation in einem Online-Bestellungsystem absetzen, können wir nicht sicher sein, ob unser Gegenüber ein Computer oder ein Mensch irgendwo auf der Welt ist.

Abbildung 6: Die Komplexität nimmt durch die III. Industrielle Revolution und Änderung der Marktgesetze wieder zu
Abbildung 6: Die Komplexität nimmt durch die III. Industrielle Revolution und Änderung der Marktgesetze wieder zu

Abbildung 6 zeigt die Zunahme der Komplexität der Arbeitstätigkeiten durch die III. Industrielle Revolution.

Seit 1950 nimmt – zumindest in den industrialisierten Ländern – die Komplexität wieder zu. Gründe dafür sind:

  • Änderung der Marktgesetze: Die Massenmärkte stießen an ihre Grenzen, dadurch änderten sich die in den Märkten geltenden Gesetze, die Märkte werden eng und dynamisch [Woh12].
  • Technische Entwicklung: Computer und Elektronik liefern die Basis für intelligente Maschinen
  • Verlagerung von einfachen Tätigkeiten in Produktion und Büro/Verwaltung in „Billiglohnländer“
  • Steigerung des allgemeinen Bildungsniveaus.
Abbildung 7: Verdrängen des Menschen durch Technologien im Zuge der III. Industriellen Revolution (Bereich menschlicher Tätigkeiten oberhalb der Kurve)
Abbildung 7: Verdrängen des Menschen durch Technologien im Zuge der III. Industriellen Revolution (Bereich menschlicher Tätigkeiten oberhalb der Kurve)

Abbildung 7 zeigt das Verdrängen des Menschen in der Arbeitswelt durch technische Systeme im Zusammenhang mit der III. Industrielle Revolution.

Diese Kurve zeigt die Ideallinie der Entwicklung. Unternehmen und Gesellschaften, die diese Ideallinie nicht mitgehen können und daher unterhalb dieser bleiben müssen, sind einem massiven Marktdruck ausgesetzt (Abbildung 8) mit der Gefahr des wirtschaftlichen Scheiterns [Woh12]. Dies ist z.B. auch ein Grund für den Untergang der ehemaligen sozialistischen Staaten, die in der technischen Entwicklung nicht mithalten konnten.

Abbildung 8: Wer unterhalb der Kurve bleibt, kommt unter Marktdruck [Woh12]
Abbildung 8: Wer unterhalb der Kurve bleibt, kommt unter Marktdruck [Woh12]

Die IV. Industrielle Revolution: Intelligente technische Systeme (ab 2010)

Die vierte Industrielle Revolution wird intelligente technische Systeme hervorbringen, die den Menschen auch in Bereichen mit hoher Komplexität komplett ersetzen können. Das autonome Fahren [WikiN] ist hier nur ein Anfang. So soll z.B. die als „Industrie 4.0“ bezeichnete intelligente Fabrik Maschinen hervorbringen, die sich selbst warten und rechtzeitig, bevor ein Teil ausfällt, selbständig den Servicemechaniker mit dem richtigen Teil bestellen.

Die für Industrie 4.0 notwendige Automatisierungstechnik soll durch die Einführung von Verfahren der Selbstoptimierung, Selbstkonfiguration, Selbstdiagnose und Kognition intelligenter werden und die Menschen bei ihrer zunehmend komplexen Arbeit besser unterstützen [WikiK].

Abbildung 9: Durch die IV. Industrielle Revolution nimmt die Komplexität weiter zu
Abbildung 9: Durch die IV. Industrielle Revolution nimmt die Komplexität weiter zu

Abbildung 9 Zeigt die weitere Zunahme der Komplexität in den Arbeitstätigkeiten durch die IV. Industrielle Revolution.

Zusammenfassung

Fasst man die o.g. Phasen zusammen, ergibt sich Abbildung 10 mit dem Verlauf der Komplexität der Arbeitstätigkeiten seit 12.000 v. Chr. bis zur Gegenwart.

Abbildung 10: Verlauf der Komplexität der Arbeitstätigkeiten seit 11.000 v. Chr. bis zur Gegenwart. (Idee nach Wohland[Woh12])
Abbildung 10: Verlauf der Komplexität der Arbeitstätigkeiten seit 11.000 v. Chr. bis zur Gegenwart. (Idee nach Wohland[Woh12])

Abbildung 11 zeigt den Verlauf des Bereiches menschlicher Tätigkeit seit 12.000 v.C. Die Technik verdrängt den Menschen zunehmend aus anspruchsvolleren Bereichen.

Abbildung 11: Bereiche menschlicher Tätigkeiten im Verlauf der Zeit (oberhalb der Kurve)
Abbildung 11: Bereiche menschlicher Tätigkeiten im Verlauf der Zeit (oberhalb der Kurve)

 

Die Phase der relativen (1900 bis 2000) und maximalen (1925 bis 1950) Einfachheit waren – historisch gesehen – absolute Ausnahmen. Komplexität, wie wir sie heute erleben, ist die Regel.

Durch folgende Umstände nimmt die Komplexität der Arbeitstätigkeit seit den 1950er Jahren wieder zu:

  • Verlagerung einfacher (manueller) Tätigkeiten in Billiglohnländer,
  • Vernetzung von Märkte, Technologien und Unternehmen,
  • Ersatz von einfachen (manuellen) Tätigkeiten durch (intelligente) technische Systeme,
  • durch die eingesetzte Technik und
  • durch komplexere Arbeitsinhalte.

Aus der gestiegenen Komplexität ergeben sich folgende Konsequenzen:

  • ein anderes Management ist notwendig,
  • andere Führung der Mitarbeiter ist notwendig
  • andere Unternehmensorganisation ist notwendig
  • Arbeit muss anderes organisiert werden (z.B. agile Methoden)
  • andere Wege der Veränderung sind notwendig (Change Management)

Kernaussagen des Kapitels

  • Mit dem Taylorismus wurde die Lösung (ehemaliger Probleme) zum Problem (von heute).
  • Die Komplexität der Tätigkeiten steigt auf Grund des technischen/technologischen Fortschritts unaufhörlich weiter.
  • Die geänderte Realität erfordert neue Organisationskonzepte.
  • Komplexität sinkt, je feingradiger die Arbeitsteilung wird.
  • Mit Taylorismus und Fordismus wurde die maximale Einfachheit der Arbeitstätigkeiten erreicht.
  • Bildungsniveau steigt, läuft der sinkenden Komplexität entgegen.
  • Bis zur Erfindung der Automaten konnte nur durch Bedienung durch Mensch produziert werden, beginnend mit Automaten stehen immer leistungsfähigere Maschinen zur Verfügung, die den Menschen zunehmend aus komplexeren Aufgaben verdrängen.

Weiterführende Literatur:

Verwendete Literatur:

WikiA: Jungsteinzeit bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Jungsteinzeit

WikiB: Neolithisierung bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Neolithisierung

WikiC: Manufaktur bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Manufaktur

WikiD: Industrielle Revolution bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Industrielle_Revolution

WikiE: Zweite Industrielle Revolution bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_industrielle_Revolution

WikiF: Digitale Revolution bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Revolution

WikiG: Neolithische Revolution bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Neolithische_Revolution

WikiH: Jäger und Sammler bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%A4ger_und_Sammler

WikiI: Neuzeit bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Neuzeit

WikiK: Industrie 4.0 bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Industrie_4.0

WikiL: Automatisierung bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Automatisierung

WikiM: Mooresches Gesetz bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Mooresches_Gesetz

WikiN: Autonomes Landfahrzeug bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Autonomes_Landfahrzeug

Bor14: Bortis, Heinrich: Die Industrielle Revolution – das Schlüsselereignis in der Wirtschaftsgeschichte. Universität Freiburg, Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte. Vorlesungsskript Wirtschaftsgeschichte. Université de Fribourg – Universität Freiburg. 2014. URL: http://www.unifr.ch/withe/assets/files/Bachelor/Wirtschaftsgeschichte/Wige_IndRev1234.pdf

Lan83: Landes, David S.: Der entfesselte Prometheus. Technologischer Wandel und industrielle Entwicklung in Westeuropa von 1750 bis zur Gegenwart, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1983

Woh12: Wohland, Gerhard; Wiemeyer, Matthias: Denkwerkzeuge der Höchstleister. Warum dynamikrobuste Unternehmen Marktdruck erzeugen, UNIBUCH Verlag, Lüneburg, 2012.

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