In diesem Beitrag geht es um Anwendungen des Konzeptes Sinn nach Viktor Frankl.

Nach dem – zugegebenermaßen recht philosophischem – ersten Beitrag zu Frankl und Sinn, soll es nun um die Anwendung gehen. Wozu ist das gut? (BTW: Wozu ist immer die Frage nach dem Sinn 😉 )

Wenn der Mensch auf der Suche nach Sinn ist, mit seinem Leben etwas Sinn-volles anstellen will, so will er dies nicht nur in seiner Freizeit, sondern auch, wenn er arbeitet. Und genau das ist unser Thema: Wie können wir erreichen, dass die Menschen in ihrem (Arbeits-)Tun Sinn sehen?

Zum Verständnis ist noch zu erläutern, dass Frankl mit der Verwirklichung von Sinn keinen Egotrip meint! Hahn [Hahn 1994, S.43] schreibt dazu:

Wer auf Selbstverwirklichung aus ist, rückt sich selbst in den Mittelpunkt. Sinnverwirklichung, zu der die Logotherapie verhelfen will, läßt den Menschen von sich selbst absehen und macht den Blick frei für den Nächsten, für Situationen im gesellschaftlichen und politischen Leben, in denen ich gefordert bin.

Für Frankl geht es um Sinn-Verwirklichung, nicht um Selbst-Verwirklichung. Selbstverwirklichung ist ein Nebenprodukt von Sinnverwirklichung.

Selbstverwirklichung stellt sich dann von selbst ein als eine Wirkung der Sinnerfüllung, aber nicht als deren Zweck. Nur Existenz, die sich selbst transzendiert, kann sich selbst verwirklichen, während sie, die selbst bzw. Selbstverwirklichung intendierend, sich selbst nur verfehlen würde. [Frankl 1987]

Es geht darum, sich etwas – jemanden anderen, eine Idee oder eine Sache – hinzugeben, das nicht man selbst ist, deren direktes Ergebnis nicht auf einen selbst fällt, etwas, das größer ist, als man selbst. Dies meint Selbsttranszendenz. Ein Beispiel dafür hatten wir im Beitrag “The New New Product Development Game” (4): Selbstorganisierende Projekt-Teams, wo die Autoren der Studie feststellten, dass ein Erfolgskriterium der Teams war, sich einer Aufgabe hinzugeben, die größer das Team selbst war.

Der Mensch kommt nicht zu sich selbst, wenn er beständig um sich kreist, sich selbst beobachtet. Nach Frankl kommt der Mensch nur zu sich selbst, wenn er sich abwendet, von sich weg sieht, sich einer Person, Idee oder Sache zuwendet. Die Abwendung von sich und die Zuwendung zu einer konkreten Lebensaufgabe entsprechen einander in der Logotherapie. Dereflexion will dem Menschen demnach die Augen öffnen, daß er frei wird zur wesentlichen Gestaltung seines Lebens. In der Fähigkeit zur Selbsttranszendenz kommt die Weltoffenheit des Menschen zum Ausdruck. Die Logotherapie sieht den Menschen als Agierenden, der in die Welt hinaus, in sie hinein handelt. [Hahn 1994, S.46]

Ende der 1950er Jahre gab es einen wissenschaftlichen Disput zwischen Frankl und Abraham Maslow bzgl. der Selbstverwirklichung. 1966 schrieb Maslow ein Paper, in dem er Stellung bezog mit dem Fazit: “Dr. Frankl is right.

Frankl nennt drei Wertekategorien, die es dem Menschen ermöglichen, Sinn zu verwirklichen: schöpferische Werte, Erlebniswerte und Einstellungswerte.

Zu den einzelnen Kategorien:

  • Schöpferische Werte: Dies meint Aktivitäten aus der Person heraus, etwas (materielles) zu erschaffen, also von sich nach außen, z.B. eine Idee in ein Produkt umzusetzen.
  • Erlebniswerte: Die meint – jenseits aller Aktivitäten – etwas zu erleben, das von außen auf die Persönlichkeit wirkt: Natur, Musik, Kunst, die Beziehung zu anderen Menschen, können zu einem Erlebnis voller Wert werden, z.B. in folgender Aussage ausgedrückt: “Der Job ist zwar blöde und langweilig, aber die Leute sind so nett. Ich würde den Job wegen der Menschen dort nie aufgeben.”
  • Einstellungswerte: Hier geht es um die Haltung zu Dingen oder Ereignissen, die wir nicht ändern können. Wie hier Sinn gesehen werden kann, soll in folgendem Beispiel aus Frankls klinischer Praxis dargestellt werden.

Beispiel von Viktor Frankl für Sinnverwirklichung durch Änderung der Einstellungswerte:

An mich wendet sich ein alter praktischer Arzt; vor einem Jahr ist ihm seine über alles geliebte Frau gestorben, und über diesen Verlust kann er nicht hinwegkommen. Ich frage den schwerst deprimierten Patienten, ob er sich überlegt habe, was geschehen wäre, wenn er selbst früher als seine Frau gestorben wäre. „Nicht auszudenken“, antwortete er, „meine Frau wäre verzweifelt gewesen.“ Nun brauchte ich ihn nur darauf aufmerksam zu machen: „Sehen Sie, dies ist Ihrer Frau erspart geblieben, und Sie haben es ihr erspart, freilich um den Preis, daß nunmehr Sie ihr nachtrauern müssen.“ Im gleichen Augenblick hatte sein Leben einen Sinn bekommen: den Sinn eines Opfers. Am Schicksal konnte nicht das geringste geändert werden; aber die Einstellung hatte sich gewandelt! Das Schicksal hatte ihm abverlangt, sich von der Möglichkeit, durch Lieben Sinn zu erfüllen, zurückzuziehen; aber die Möglichkeit war ihm geblieben, sich auch diesem Schicksal zu stellen, sich richtig einzustellen. [Frankl 1997]

Wenn wir wollen, dass die Menschen in ihrem Tun im Kontext Arbeit Sinn finden, dann gilt es, die drei Wertekategorien mit Selbsttranszendenz zu verbinden. Also das Wirken an etwas, das nicht nur für sie selbst ist, das etwas Wichtiges, etwas Einzigartiges ist, das im Kontext von etwas größerem steht.

Sie brauchen z.B. im Einzelnen:

1. für die schöpferischen Werte:

  • Produkte/Projekte, die erfolgreich abgeschlossen/umgesetzt werden statt ewigem Kreislauf von Konzepterstellung – Anfang der Umsetzung – Abbruch und Restart – Konzepterstellung – Anfang der Umsetzung – Abbruch und Restart – …
  • einen Beitrag zum Ganzen leisten können statt nur kleine zusammenhanglose Tätigkeiten
  • das Umsetzen eigener Ideen statt Ausführen von Vorgaben

2. für die Erlebniswerte:

  • die Möglichkeit, das “Eingebunden sein” in einem wirklichem Team zu erleben
  • zu erleben, auch im Kontext Arbeit als Mensch mit Bedürfnissen wahrgenommen zu werden
  • das Erleben und Feiern von Erfolgen statt synthetischen Events wie Hochseilgarten etc.
  • das Spüren von Vertrauen und “dass mir jemand etwas zu traut”, aber auch gefordert werden, dass mir jemand etwas mehr zu traut, als ich mir selber zu traue

3. Einstellungswerte

  • Ehrlich vermittelt und erläutert zu bekommen, warum etwas wie Globalisierung, “Marktdruck” unabänderlich ist und welche konkreten Folgen das für die Organisation hat, statt Vorschieben dieser Buzzwords als Ausrede für Managementversagen
  • Entscheidungen so vermittelt zu bekommen, das der Sinn für einen persönlich erkannt werden kann, auch wenn dies “Schicksalsschläge” (wie Entlassung etc.) sind

An diesen Punkten gilt es weiterzuarbeiten.

Nachtrag:

Es fehlen noch Begriffserläuterungen:

Logotherapie: von griech. logos – Sinn – meint eine Psychotherapie, in der es dem Menschen ermöglicht wird, wieder Sinn in seinem Sein zu sehen

Existenzanalyse: von lat. existentia – Dasein – und griech. analysis – Zerlegung, Untersuchung – meint die zugrunde liegende Theorie und das Menschenbild

Literaturangaben

[Frankl 1987]: Frankl, Viktor E.: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse, Frankfurt am Main, 1987, ISBN 3-423-34427-X

[Frankl 1997]: Frankl, Viktor E.: Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute, Freiburg, Basel, Wien, 1997, ISBN 3-451-04030-1

[Hahn 1994]: Hahn, Udo: Sinn suchen – Sinn finden: was ist Logotherapie?, Göttingen, Zürich, 1994, ISBN 3-525-01805-3

2 thoughts on “Sinn nach Viktor Frankl (2): Anwendung (1)

  1. Liebe Frau Klasing, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich muss mich da erstmal wieder eindenken, ist eine Weile her, dass ich das schrieb … Auch habe ich das Thema noch nicht abschließend durchdacht, ist als Projekt auf meiner Liste …
    Sie stellen die für mich richtigen Fragen und geben die passenden Impulse. Meine “Tipps” kommen daher, weil Kunden (z.B. Führungskräfte) immer etwas “sofort praktisches”, z.B. einfache Rezepte und und Regeln, verlangen und sich normalerweise nicht in die Tiefe begeben wollen. Ich gebe Ihnen völlig recht, dass es hier keine allgemein gültigen – und schon gar nicht einfachen – Regeln/Aussagen – oder noch schlimmer Tools – geben kann … Ja, es muss “Aufgabe einer sinn- und wertorientierte Personalarbeit sein, Raum und Hilfestellung zu geben, um jedem oder jeder Einzelnen zu ermöglichen genau das zu tun …”, da bin ich völlig bei Ihnen. Nur ich sehe in der Praxis eben leider (noch?) nicht, dass dies a) gewünscht und b) realisierbar ist. Auch “New Work” leistet dieses nicht (kann es auch nicht), eher schon das Konzept “Neue Arbeit” von Frithjof Bergmann (https://de.wikipedia.org/wiki/Frithjof_Bergmann#New_Work).
    Der Taylorismus sitzt tief … Und scheint leider auch zu oft bei “Agilität” durch …

  2. Vielen Dank für Ihren sehr gelungenen Text über Frankl. Ihre theoretische Darstellung finde ich gut nachvollziehbar und vor dem Hintergrund meines derzeit noch eher oberflächlichen Wissens über Frankl sehr treffend. Etwas irritiert haben mich dagegen Ihre Vorschläge zur Umsetzung in die Praxis. Als Personalleiterin eines kleinen, gemeinnützigen Beratungsunternehmens bin ich gerade dabei, mir selber Gedanken darüber zu machen, wie eine sinn- und wertorientierte Personalarbeit aussehen könnte. Ihre Überlegungen zur Selbsttranszendenz fand ich in diesem Zusammenhang anregend, da ich noch nicht in diese Richtung gedacht hatte. Damit komme ich zu meiner oben erwähnten Irritation. So wertvoll ich Ihren Ansatz der Selbsttranszendenz finde, so greift er als alleiniger Maßstab meines Erachtens zu kurz. Ihre Schlussfolgerungen bzgl. Anwendungen des Konzeptes Sinn nach Frankl kommen mir vor dem Hintergrund der Darstellung dessen, was Sinn nach Frankl bedeutet, seltsam widersprüchlich vor. Der Kern von Frankls Ansatz – wie von Ihnen mehrmals dargelegt – liegt darin, dass Sinn nicht gemacht oder vorgegeben werden kann sondern nur in konkreten Situation und jeweils individuell immer wieder neu gefunden werden kann. Stimmen Sie mir so weit zu? Wenn ja, müsste es dann nicht Aufgabe einer sinn- und wertorientierte Personalarbeit sein, Raum und Hilfestellung zu geben, um jedem oder jeder Einzelnen zu ermöglichen genau das zu tun – ihren Sinn zu finden und im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu verwirklichen? Wie passt die Überschrift Ihrer Auflistung am Ende – so sehr ich der Auflistung inhaltlich zustimme – dazu?: „Sie brauchen z.B. im Einzelnen:…“ Woher wollen Sie wissen, was der oder die Einzelne braucht? Den für ihn oder sie jeweils individuellen Sinn kann doch nur er oder sie finden. Abschließend vermisse ich Ansätze und Vorschläge, wie es gelingen kann dem oder der Einzelnen deutlich zu machen, dass sie mit ihren kleinen und zusammenhanglosen Tätigkeiten, die sich in keinem Unternehmen gänzlich vermeiden lassen, an etwas mitwirken, „…das nicht nur für sie selbst ist, das etwas Wichtiges, etwas Einzigartiges ist, das im Kontext von etwas größerem steht.“? Ihre Gedanken dazu würde mich interessieren.

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